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NELAK: Seen als Folge schmelzender Gletscher: Chancen und Risiken

 

Wenn Gletscher schmelzen, können neue Seen entstehen. Um Chancen und Risiken im Umgang mit neuen Seen abzuschätzen, wurden relevante Aspekte der Naturgefahren, der Wasserkraft, des Tourismus und des Rechts untersucht und mit Stakeholdern diskutiert.

Projektbeschrieb (abgeschlossenes Forschungsprojekt)

Die anhaltende globale Erwärmung führt bei realistischen Klimaszenarien für das 21. Jahrhundert zum raschen Abschmelzen grosser Teile der heutigen Gletscher in den Alpen. Ein digitales "Geländemodell ohne Gletscher"​ zeigt, wo in den nächsten Jahrzehnten neue Seen mit einer Gesamtfläche von mehr als 50 km2 entstehen können. Neben zahlreichen kleinen Seen wird es auch einige grössere Seen mit Tiefen über 100 m und Volumen über 10 Mio. Kubikmeter geben. Das interdisziplinäre Projekt stellte alle vorhandenen Informationen zur Entstehung von Seen zusammen und zeigt dadurch Handlungsoptionen auf für den Umgang mit diesem Phänomen. Fallbeispiele zeigen (a) die Entstehung und Charakteristik der neuen Seen in Raum und Zeit, (b) die potenziell von diesen Seen ausgehenden Naturgefahren, (c) die Nutzungspotenziale für die Energiewirtschaft, (d) die touristischen Perspektiven und (e) die rechtlichen Fragen hinsichtlich Eigentum, Verantwortung, Nutzung und Schutz.

Methoden

Aufgrund von Gletscherbettmodellierungen und zeitlichen Schwund-Szenarien für alle Schweizer Gletscher wurden die Seen je nach möglicher Entstehungszeit in drei Klassen eingeteilt: "bevorstehend", "erste Jahrhunderthälfte", "später". Die Vermessung jüngster Seen mittels eines ferngesteuerten Bootes half, die Modellrechnungen zu überprüfen. Für bereits entstandene und mögliche zukünftige Seen wurden die Dispositionen zur Schwallbildung durch grosse Felsstürze abgeschätzt und vorhandene Rechenmodelle hinsichtlich von Ereignisketten wie Sturz, Schwall, Flut, Murgang, etc. evaluiert. Am Beispiel Naters – Grosser Aletschgletscher – wurde eine Methodik zur Abschätzung des zukünftigen Risikos von Hochgebirgsseen anhand von sozio-ökonomischen und Gefahrenszenarien angewendet.

An den zwei Fallstudien Mauvoisin und Oberhasli wurde das energiewirtschaftliche Potential der neuen Gletscherseen untersucht. Dabei wurden die Einzugsgebiete in einem hydrologisch-hydraulischen Abflussmodell nachgebildet. Nach einer Eichung mit Messungen der Abflüsse und der Gletscherentwicklung für die letzten rund 30 Jahre wurden vier verschiedene Klimaszenarien simuliert. Für die Energieproduktion wurde ein spezielles Simulationsmodul entwickelt, welches für Strompreisszenarien basierend auf den Spotmarktpreisen die Stromproduktion unter bestimmten Randbedingungen wie Speicherinhaltsentwicklung wirtschaftlich optimiert.

Hinsichtlich Tourismus wurde die Atmosphäre zukünftiger Landschaften eingeschätzt. Kosten- und Nutzenfaktoren von Gletscherseen wurden ökonomisch erfasst und bewertet. Grundlage boten ein erweiterter Integrierter Risikomanagement-Ansatz, indem auch für den Tourismus relevante potentielle sekundäre (bspw. Betriebsausfälle) und tertiäre Schäden (bspw. Imageschäden) errechnet wurden.

Resultate

Die neuen Seen können eine ernst zu nehmende Gefahr darstellen. Sie bilden sich zunehmend am Fuss steiler Bergflanken, die langfristig immer weniger stabil sind. Wenn grössere Fels- und Eismassen in Seen stürzen, werden im schlimmsten Fall Flutwellen bis in bewohnte Täler verursacht. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Katastrophen eintreten, ist klein. Sie nimmt aber mit der wachsenden Zahl von Seen zu und wird über lange Zeit bestehen bleiben. Deshalb ist es wichtig, das Gefahrenpotential frühzeitig abzuschätzen und mit geeigneten Massnahmen zu reduzieren.

Die neuen Seen haben auch Auswirkungen auf die Wasserkraftnutzung: Verschwinden die Gletscher, nimmt die Stromproduktion langfristig ab. Doch die entstehenden Seen bieten neue Möglichkeiten zur Wasserkraftnutzung und können die erwarteten Verluste somit teilweise ausgleichen. In kombinierten Mehrzweckprojekten kann nicht nur der Hochwasserschutz im Hochgebirge sondern auch das Wasserdargebot in zunehmend trockenheitsgefährdeten Hoch- und Spätsommermonaten verbessert werden. Die neuen Seen können auch eine wichtige Rolle beim Rückhalt der durch das Abschmelzen der Gletscher erhöhten Sedimentzufuhr spielen.

Der Gletscherrückgang wirkt sich auch auf den Tourismus aus: Einerseits werten die neuen Gletscherseen die Landschaft häufig auf. Hängebrücken, Klettersteige und Lehrpfade können neue Attraktionen darstellen. Andererseits wird die Landschaft ohne Gletscher oft als karg und wild empfunden. Gletscherrouten ändern sich, Gletscherhöhlen schmelzen und es wird schwieriger, hochgelegene Skipisten zu präparieren. Neue Gefahrensituationen verunsichern Touristen. Konflikte müssen mit planerischen, organisatorischen und baulichen Massnahmen sowie entsprechender Kommunikation und Sensibilisierung angegangen und entschärft werden.

Gletscherseen sind sachenrechtlich gleich zu behandeln wie Fels- und Gletschergebiete. Sie gelten als kulturunfähiges Land und gehören zu den öffentlichen Gewässern im Gemeingebrauch. Eine Grosszahl der neuen Seen liegt in geschützten Gebieten. Die Hoheit hat der jeweilige Territorialkanton. Bei der Frage der Verantwortlichkeit muss man unterscheiden zwischen der Zuständigkeit für das Ergreifen von Schutzmassnahmen und den haftungs- und strafrechtlichen Folgen, wenn Versäumnisse zu Unfällen und Schäden führen. Die Grundlagen für den Umgang mit Naturgefahren findet man im Wald- und Wasserbaurecht. Für die Gefahrenabwehr im Sinne des integralen Risikomanagements sind primär die betroffenen Kantone und Gemeinden zuständig. Raumplanerische Massnahmen wie Gefahrenzonenpläne stehen im Vordergrund. Schutzbauten sind sekundär. Für eine Nutzung der neuen Seen zur Stromproduktion sind Wasserrechtskonzessionen erforderlich. Verfahren zur Errichtung touristischer Seilbahnen basieren auf dem Transportrecht. Zu berücksichtigen sind bei allen Bauvorhaben eine Reihe von Gesetzen zu Raumplanung, Natur-, Heimat- und Gewässerschutz. Um Potenziale und Gefahren zu erkennen und rechtliche Konflikte zu reduzieren, sollte möglichst frühzeitig und umfassend geplant werden.

Bedeutung

Mit den wohl langfristig unumkehrbaren Landschaftsveränderungen im Hochgebirge entstehen zukünftige Bedingungen, für die es noch kein Erfahrungswissen gibt. Die Prozesse verlaufen schnell oder gar beschleunigend. Deshalb ist die Zeit für eine differenzierte Debatte zu komplexen und oft auch strittigen Fragen knapp. Mit dem publizierten Bericht stellt das NELAK-Projekt eine Wissensgrundlage zur Verfügung, die eine frühzeitige, integrative und partizipative Planung ermöglicht: Was kommt auf uns zu, was können oder müssen wir tun und wie gehen wir am besten vor?

Originaltitel

Neue Seen als Folge der Entgletscherung im Hochgebirge: Klimaabhängige Bildung und Herausforderungen für eine nachhaltige Nutzung (NELAK)

Projektleitung

  • Prof. Dr. Wilfried Haeberli, Physische Geographie, Geographisches Institut, Universität Zürich-Irchel
  • Dr. Michael Bütler, Anwaltsbüro Bergrecht
  • Dr. Christian Huggel, Geographisches Institut, Universität Zürich
  • Prof. Dr. Hansruedi Müller, Forschungsinstitut für Freizeit und Tourismus, Universität Bern
  • Prof. Dr. Anton Schleiss, Laboratoire de constructions hydrauliques, EPFL